Die Alte Stadtbibliothek von 1825 ...

... und ihre Wiedererrichtung als Literaturhaus 2005

1788 bis 1945

Bis 1788 reichen die Überlegungen zurück, eine Stadtbibliothek zu bauen, die alle bis dahin über die Stadt Frankfurt verstreuten, teils in provisorischen Quartieren, teils in der Paulskirche untergebrachten Buchbestände vereinen sollte. Ein von Senator Johann Karl Brönner 1802 in Aussicht gestelltes Erbvermächtnis in Höhe von 25.000 Gulden zum Bau eines solchen Gebäudes gab den Ausschlag, sich nach einem geeigneten Standort umzusehen. Den noch vorhandenen Quellen ist allerdings zu entnehmen, dass „ökonomische Gründe und kriegerische Ereignisse“ sowie „der Mangel an Vereinigung zwischen dem Senat und den bürgerlichen Collegien über Ort, Form und Kosten des Gebäudes“ das Vorhaben bremsten. Durch den Tod Brönners (1812) zwang das Erbvermächtnis allerdings zum Handeln. Mitentscheidend für den Baubeschluss (1816) war auch der Wiener Kongress, der nach der Niederlage Napoleons einberufen worden war und Frankfurt seine Eigenständigkeit zurückbrachte. Der Architekt und Stadtbaumeister Johann F. Christian Hess erhielt den Entwurfsauftrag und 1820 wurde der Grundstein gelegt. Im Juli 1825 konnte das klassizistische Gebäude der Öffentlichkeit übergeben werden und über 50.000 Bücher zogen in das Haus. Die Alte Stadtbibliothek galt Anfang des 19. Jahrhunderts als das Prunkstück der eleganten Promenade am nördlichen Mainufer an der Schönen Aussicht. Nach kurzer Zeit trat jedoch ein, was Architekt Hess prophezeit hatte, dass der modifizierte, den Sparzwängen des Senats unterworfene Entwurf von 1819 viel zu klein ausgefallen war für einen zwangsläufig expandierenden Bibliotheksbestand. In den Jahren 1891 bis 1893 wurde dem alten Gebäude im Westen (Lange Straße) und Osten (Obermainanlage) je ein fünfgeschossiger Magazinflügel angefügt. Zu diesem Zeitpunkt war die Bibliothek mit über 170.000 Bänden nach Hamburg die zweitgrößte Stadtbibliothek des Deutschen Reiches. Doch der Platzmangel war fünfzehn Jahre später abermals so virulent, dass 1914 ein Verbindungsbau im Norden der Stadtbibliothek zwischen den Magazinflügeln begonnen wurde. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten schien das Schicksal der Stadtbibliothek vorgezeichnet. Bei einem Großangriff auf Frankfurt im Dezember 1943 wurde das Gebäude massiv zerstört. Weitere Angriffe im Januar und März 1944 vernichteten den Bau nahezu vollständig. Der Portikus blieb als einziger Gebäudeteil unbeschädigt.

1945 bis heute

Ab 1946 gab es eine bis in das Jahr 1968 reichende Diskussion um ein Mahnmal für die Opfer des 2. Weltkrieges in deren Mittelpunkt immer wieder die Ruine der Alten Stadtbibliothek stand. Es entstand allerdings kein Mahnmal und der Portikus wurde zunächst baulich gesichert und das Trümmergrundstück als Gartenanlage in die Wallanlage integriert. Drei Jahre später überlegte man, den Portikus abzutragen und an andere Stelle umzusiedeln. Stattdessen wurde dann aber der Erweiterungsbau des Hospitals zum Heiligen Geist, das Schwesternhochhaus, rücklings des Portikus hochgezogen. 1980 ließ man das Baudenkmal für 260.000 DM restaurieren. 1987 kam dann der temporäre Ausstellungspavillon der Städelschule, der direkt hinter die Säulenfront gestellt wurde. Dieser Neu- und Anbau war ein mit Trapezblech verkleideter, geschlossener Kubus, der eine radikale Antithese zur Eleganz des Portikus abgab. Gemeinhin sprach man vom „Container“. Der Name „Portikus“ wurde zum Inbegriff für den ausgefallenen Ausstellungsraum der Städelschule. Im Rahmen eines neuen stadtentwicklungspolitischen Konzepts der Rückbesinnung auf den Fluss und neuer Wohngebiete, die heute beidseitig des Mains jeweils an die Eisenbahnbrücken im Ost- und Westhafen grenzen, kam die Alte Stadtbibliothek erneut ins Gespräch. Der Magistrat schrieb 1990 einen Architektur-Studentenwettbewerb aus und 150 angehende Architekten beteiligten sich. Keines der 74 Konzepte jedoch wollte eine historische Rekonstruktion. Es folgte eine heftige Diskussion, die als „Frankfurter Säulenstreit“ Spuren hinterließ. Die einen wollten die originalgetreue Rekonstruktion, ähnlich der Alten Oper. Die anderen empfanden das als Verleugnung der Geschichte und Zerstörung. Schließlich wurde der historische Wiederaufbau vorangetrieben. Aber erst am 5. Februar des gerade begonnenen Jahrhunderts gab es den Beschluss dazu. Die städtische Maßgabe lautete, die Stadtkasse dürfe nicht belastet werden. 2001 konnte dann neben Spenden von Frankfurter Bürgern und Institutionen sowie Mitteln der Landesbank Hessen-Thüringen die Gemeinnützige Hertie-Stiftung mit einer außerordentlich großzügigen Zuwendung für die Finanzierung gewonnen werden. Inzwischen stand fest: der Literaturhaus Frankfurt am Main e.V. würde der kommende Nutzer des wieder zu errichtenden Gebäudes sein. Der in Folge gegründete „Bürgerverein Alte Stadtbibliothek“ übernahm unter dem Vorsitz von Prof. Martin Wentz und RA Dr. Rüdiger Volhard die Verantwortung als Bauherr und reichte, nach Durchführung eines Architekturwettbewerbs, im Mai 2003 den Bauantrag zum Wiederaufbau der Alten Stadtbibliothek ein. Anfang Oktober 2005 war der Wiederaufbau nach den Plänen von Prof. Christoph Mäckler abgeschlossen und das Literaturhaus Frankfurt ist in die wiederaufgebaute Alte Stadtbibliothek gezogen. Am 8. Oktober 2005 fand die literarische Eröffnung an der Schönen Aussicht statt.

(Vgl. auch: Landmarke Alte Stadtbibliothek Frankfurt am Main. Von Bürgern gestiftet, durch Bürger wieder errichtet. Hrsg. v. Bürgerverein Alte Stadtbibliothek e.V. Kramer Verlag: Frankfurt/M. 2004)